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Planungskultur zum Kopfschütteln

Aus insgesamt 23 vorgeschlagenen exemplarischen »Planlosigkeiten« hat eine unabhängige Jury die Top drei ausgewählt, aus Wien, Graz und Niederösterreich. Eine erhält am 17. Oktober 2017 den planlos Award 2017.

Auf der Website www.planlos2017.at gingen im Spätsommer 2017 genau 23 Vorschläge für planerisch unvernünftige Entscheidungen in der österreichischen Baukultur ein. Eine unabhängige Jury wählte drei Nominierungen aus Wien, Graz und Niederösterreich aus, die am 17. Oktober bei einer Festveranstaltung in den Wiener Räumen der IG Architektur vorgestellt werden und von denen eine den ersten Preis, einen 8 Kilogramm schweren Betonblock, erhält.

Die drei »planlosen« Favoriten zeigen exemplarisch Missstände auf, die über das einzelne Projekt hinaus auch für viele andere nicht glückliche Planungsentscheidungen (vor allem der öffentlichen Hand) in Österreich stehen. Allen drei ist gemeinsam, dass sie aus Sicht ihrer UrheberInnen gut geplant sind. Die nominierten Entscheider verfügten über die politischen Möglichkeiten, diese Planungen ins Leben zu rufen. Die Ergebnisse haben die Verhältnisse in den von ihnen regierten Städten nachhaltig beeinflusst. Ihre politische Verantwortung jedoch wird teilweise erst Jahre und Jahrzehnte später schlagend.

Die Einreichungen für den planlos Award 2017 zeigen in vielen Fällen die Absenz einer professionellen und partizipativen Planungskultur auf. Dieser »Fehler im System« führt häufig zu einer mangelnden Kommunikation von ausschlaggebenden stadtplanerischen Entscheidungen. Es steht zu befürchten, dass die Nominierungen nur die Spitze des Eisbergs darstellen. Darauf möchte der planlos Award hinweisen.

 

Graz: Kraftwerk in der Stadt ohne erkennbares Stadtentwicklungskonzept

Graz bekommt mitten in der Stadt eine Staustufe an der Mur. Informationen über die städtebauliche Einbindung erreichen nur spärlich die Öffentlichkeit.

Die Vermutungen sind vielfältig, die Diskussionen orientieren sich hauptsächlich an Spekulationen, eine transparente Informationspolitik fehlt. Auch AnhängerInnen von erneuerbarer Energie fragen sich, was dieser Kraftwerksbau für die Stadtentwicklung bedeutet. Medial verbreitete Informationen über eine geplante Gondel für Touristen über dem dann notwendigen zentralen Speicherkanal tragen nicht zur Klärung bei. Dass ein Kraftwerk große Auswirkungen auf das Stadtgefüge haben wird ist jedem klar. Wie damit aber umgegangen werden soll, wird nicht besprochen. Eine städtebauliche Eingliederung in ein großräumiges Entwicklungskonzept ist nicht sichtbar: Der Masterplan Mur Graz Mitte beschäftigt sich vorwiegend mit der Ufergestaltung. Entsteht an der Mur eine zweite problematische Planungs-und Kommunikations-Baustelle wie beim Entwicklungsgebiet Graz Reininghaus?
Nominiert: Stadt Graz, Bürgermeister Mag. Siegfried Nagl

 

Wien: Business-Blocks verbauen Zugänge zu Stadtentwicklungsgebieten

Stadtplanung denkt in langen Zeiträumen. Manchmal leidet sie jedoch an Amnesie, was ihre wichtigsten Ziele betrifft. Vor allem, wenn InvestorInnen ins Spiel kommen. 

Nahe dem Praterstern entstand Ende der 1990er Jahre ein monofunktionales Office-Ghetto, das mehrmals mit Gewinn den Besitzer wechselte. Heute ist die Lassallestraße eine leblose urbane Durststrecke von Megablocks, die dem Entwicklungsgebiet dahinter die Luft abschneiden. In der zweiten Reihe dahinter wollte man alles besser machen. Der städtebauliche Masterplan von 1994 legte eine genaue Nutzungsmischung fest. Davon ist heute nichts mehr übrig. Zur einen Seite reine Wohnblocks. Zur anderen Seite entsteht mit dem Austria Campus die nächste monofunktionale Office-Wüste. Die ursprünglich an der Lasallestraße angestrebte »Durchlässigkeit« kann man als für immer verloren annehmen. Wer zukünftig abends vom Bahnhof Praterstern zur »Freien Mitte« am Nordbahnhof will, wird gute Nerven brauchen. Apropos Bahnhof: Wo ist eigentlich die versprochene kulturelle Nutzung am Hauptbahnhof geblieben? Ist der Zug Richtung Bruttogeschossflächen-Profit dort auch schon abgefahren?
Nominiert: Die Stadtplanung der Stadt Wien seit den 1990er Jahren, die beteiligten InvestorInnen, und die große Planungslücke dazwischen.

 

Niederösterreich: Billiger Bauen als Null-Nummer

Quasi einen Blick zurück bietet die dritte Nominierung. Vermeintlich dringende Planungsnotwendigkeiten kollidierten mit der Suche nach ausreichender Planungsqualität und dafür qualifizierten ExpertInnen.

Im Januar 2016 verkündete der damalige Wohnbaulandesrat Wolfgang Sobotka, mit einfachsten Mitteln möglichst schnell Wohnraum für 3.000 Menschen zu schaffen. Unter dem Titel »Wohn.Chance.NÖ« sollten um 50 Millionen Euro insgesamt 800 Wohnungen à 60 Quadratmeter Wohnfläche errichten werden, die zu einer Bruttomiete von 4,20 Euro je qm vergeben werden sollten. Erste Entwürfe stießen auf umfangreiches Unverständnis – nicht nur bei Architekturschaffenden. Bis zum Sommer 2017 wurde kein einziges Gebäude gebaut. Das Projekt wurde von Sobotkas Nachfolger eingestellt. 
Nominiert: Wolfgang Sobotka, bis 2016 Wohnbaulandesrat des Landes Niederösterreich


Die Interessengemeinschaft Architekturschaffender zeigt unverständlichen Entscheidungen in Architekturpolitik, Stadtplanung und Vergabewesen erneut die Zähne. Zum vierten Mal seit 2011 vergibt die IG Architektur den Preis für die »planloseste« Entscheidung in der österreichischen Baukultur.

Seit 2001 steht die IG Architektur für eine kritische Auseinandersetzung mit Fragen der Architektur und Architekturpolitik. Gleichzeitig bietet sie ihren fast 300 Mitgliedern eine solidarische Plattform für Wissens- und Meinungsaustausch.

www.planlos2017.at

 

Preisverleihung des planlos Award 2017
• Dienstag, 17. Oktober 2017, 19:30 Uhr, im RAUM der IG Architektur, Gumpendorferstr. 63B, 1060 Wien

 

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