von IG Architektur

Et si l’on veut

Bernhard Sommer (c) Foto: Goga Nawara

[...] Et si l’on veut, je pourrais parler de proportion, de beauté, de ces choses qui sont les impératifs de ma vie, car il n’y a pas de bonheur possible, sans l’esprit de qualité. [...]

 

In einem Blog eines spanischen Kollegen, Ignazio Fernàndez Solla, stieß ich auf folgenden Hinweis:
Le Corbusier scheint – gut versteckt in seinen Schriften und manchmal sichtbar in seinem Werk – fünf bauphysikalische Konzepte, die er als „techniques modernes“ bezeichnete, verfolgt zu haben:


• Natürliche Lüftung (aération naturelle)
• Natürliche Belichtung (éclairage solaire)
• Verschattung (brise soleil)
• Thermisch aktive Fassaden (mur neutralisant)
• Vorkonditionierte Luft (respiration exacte)


Also drei passive und zwei aktive Energiekonzepte. Von diesen ist die mur neutralisant die visionärste, denn Le Corbusier scheint damit als erster eine Doppelfassade konzipiert zu haben. 1916 hat er ein solches System bei der Villa Schwob in La Chaux-de-Fonds realisiert. Das Konzept, das Le Corbusier nicht nur für zweischalige Glasfassaden, sondern auch für zweischalige Steinwände und wohl auch Beton vorsah, sollte durch ein geschlossenes Zirkulationssystem von auf exakt 18°C erwärmter oder abgekühlter Luft den Wärmeaustausch zwischen innen und außen verlangsamen. Dabei berücksichtigte er bei den Glasfassaden die Strahlungsenergie der Sonne unzureichend. Bei der Cité du Refuge (Paris, 1930) blieb von dem Konzept nur die luftdichte, nicht zu öffnende Glasfassade. Das Flehen der Bewohner nach zu öffnenden Fenstern im Sommer und verschiedene Auslandsreisen, u.a. nach Marokko, ließen schließlich den brise soleil dominierendes Element seiner Architektur werden. Beim Centrosojus (Moskau, 1928 bis 1933) wurden zwar die opaken Wände nicht zweischalig ausgeführt, aber immerhin die Glaswände. Schließlich gab es in Moskau mit dem Zuyev Arbeiterverein von Ilya Golosov von 1927 bereits Erfahrung mit solch einem System.

Die mur neutralisant wurde bei Saint-Gobain getestet. Natürlich wurde ein erheblicher Energiebedarf festgestellt, aber auch eine gute Lösung erkannt: dass das System sinnvoll sein kann, wenn die äußere Hülle aus Mehr-Scheiben-Isolierglas besteht. Das erste Patent dafür wurde bereits 1865 erteilt und in der Zwischenkriegszeit begann die Produktion auf industriellem Niveau. Nach seinen unglücklichen Versuchen aktive Systeme in Paris und Moskau zu implementieren, dominierten aber fortan passive Systeme Corbusiers Architektur.

Als politisches Vorbild taugt er wenig, er hätte für jeden gebaut, ließ sogar Sympathien für Hitler erkennen. Vielleicht ist die faszinierende Entwicklung von Corbusiers Werk ebenfalls nicht nur Reflexion und Entwicklungsfähigkeit geschuldet, wie ich immer dachte, sondern eine Spielart des Opportunismus. Kind seiner Zeit haftet seinen Visionen oft auch etwas Totalitäres an.
Letztlich klopft in dieser, von seiner Zeit geprägten Hülle ein sentimentales Herz. In einem Brief an Volkskommissar Anatoli Lunatscharski aus dem Jahr 1932 schreibt er: Wenn Ihr mich nur lasst, dann reden wir auch über die Schönheit. Und um sich nicht zu lange mit dem Begriff aufzuhalten, wird Schönheit schnell durch Qualität ersetzt. Aber dann sitzt der Satz:
....denn Glück ist nicht möglich, ohne einen Sinn für Qualität.


Noch heute dürfen wir Schönheit allzu selten ins Treffen führen, wenn wir über die Leistungen unseres Berufs sprechen; dabei ist es das, woran wir im tiefsten Inneren unserer Herzen arbeiten – und die Berechtigung unseres Berufs ableiten: Qualität und Schönheit.

 



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